Von der griechischen Mythologie nach Berlin: ein Produkt wird geboren

Aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte kennt man Klagen über Lärm und Maßnahmen zu seiner Bekämpfung. Allgemeines Interesse erlangte das Thema Lärm zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Industrialisierung erreichte immer weitere Bereiche des menschlichen Lebens. Besonders in den Großstädten der Welt fühlten sich viele Menschen hilflos dem durch Technik und Verkehr verursachten Dauergeräuschpegel ausgeliefert. Der Philosoph, Schriftsteller und Mediziner Theodor Lessing (1872-1933) sah dabei sogar die kulturelle Entwicklung in ihrer Existenz gefährdet: "Aber erst in den letzten Jahren hat der großstädtische Lärm durch Hochbahnen, elektrische Bahnen, Dampfwagen, Automobile und andere maltusianische Decimirungsmittel jenen Gipfelpunkt erreicht, auf welchem subtiles, geistiges Arbeiten unmöglich und der erwünschte halbbewußte Dämmerdusel der Mediokritäten dauernd gesichert zu sein scheint." (Theodor Lessing: Noch einiges über den Lärm. In: Nord und Süd. Eine deutsche Monatsschrift 103 (1902), S. 330-339, hier S. 336) Er gründete 1908 den "Deutschen Lärmschutzverband", der sich als "Antilärmverein" mit regelmäßigen Publikationen ("Der Anti-Rüpel. Antirowdy. Das Recht auf Stille") an die Öffentlichkeit wandte. Ein vergleichbarer Verein bestand seit 1906 in New York als "Society for the Suppression of Unnecessary Noise".

 
  In die aufstrebenden Millionenstadt Berlin gelangte 1900 der aus Schlesien stammende Apotheker und Drogist Maximilian Negwer. Sein Ziel war es, sich selbständig zu machen und mit eigenen Erzeugnissen am wirtschaftlichen Aufschwung teilzunehmen. 1901 eröffnete er in Berlin eine Drogerie, in der er bereits erste Eigenentwicklungen wie das Fleckenwasser "Helgalin" und eigene Hustenbonbons verkaufte.  
 

Maximilian Negwer (geb. 1872) erfindet 1907 das OHROPAX

 
  Nach Verkauf der Drogerie gründete er im Oktober 1907 die "Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten Max Negwer". Die kleine Firma vertrieb zeitgemäße Produkte, teils aus Eigenherstellung, teils als Handelsware. Einige Beispiele: "Schönheitspuder Pompadour, Migränestifte, Warzenmittel, Frost-und Schnupfencremes, Nagelpflege und kleine Riechsäckchen. Vom Thema Lärm bzw. Gehörschutz war Negwer von Anfang an fasziniert. Er vermutete hier einen großen Bedarf, denn die zu dieser Zeit in Sanitätshäusern angebotenen Ohrschutz-Apparaturen aus Holz, Metall, Zelluloid oder Hartgummi hatten eher Ähnlichkeit mit Folterinstrumenten. Es soll um 1903 gewesen sein, als ihn Freunde auf die griechische Mythologie aufmerksam machten. In der fast 3000 Jahre alten Odyssee des Schriftstellers Homer wird geschildert, wie die Göttin und Zauberin Circe folgenden lebensrettenden Ratschlag für den Helden Odysseus bereithält: Er solle bei der Vorbeifahrt an den Inseln der betörenden Sirenen die Ohren seiner Gefährten mit Wachs verschließen und sich selbst am Mastbaum festbinden:  
 

Odysseus auf seinem Schiff mit Gefährten

 
 

"Aber ich schnitt mit dem Schwert aus der großen Scheibe des Wachses kleine Kugeln, knetete sie mit nervichten Händen, Und bald weichte das Wachs, vom starken Druck bezwungen, Und dem Strahl des hochhinwandelnden Sonnenbeherrschers. Hierauf ging ich umher und verkleibte die Ohren der Freunde."

Aber die ersten Versuche mit Bienenwachs scheiterten. Der teure Rohstoff führte zu Reizungen, die Kugeln hatten keinen Zusammenhalt.
Nach vielen Experimenten mit verschiedenen Fetten, Ölen und tierischen Talgen gelang schließlich der Durchbruch, als Negwer Baumwollwatte als Trägersubstanz mit einer besonderen Mischung von Vaselinen und Paraffinwachsen tränkte. Nun endlich konnten angenehm weiche, hautverträgliche, zusammenhängende Kugeln geformt werden, die bequem zu tragen waren und sich rückstandsfrei wieder entfernen ließen. Diese Grundrezeptur war schon so perfekt, daß sie bis heute kaum geändert werden musste!